Viele teilnehmend am CSD vor dem Rathaus Münster
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CSD Münster 2022

(jvh) Am 27. August habe ich in Münster zum ersten Mal am Christopher Street Day, kurz CSD, teilgenommen. Dieser ist eine bunte Mischung aus einer Demo und einem Festzug, um für die Rechte von Menschen aus der LGBTIQ+-Community zu demonstrieren. Die umfasst Menschen, die lesbisch (L), schwul (G für englisch: gay), bisexuell (B) trans* (T) und intergeschlechtlich (I) sind. Das Q am Ende steht für queer, also für alle anderen, die keine Cis-Hetero-Personen sind, sich aber nicht in einem der fünf Begriffe einordnen können. Es wird aber auch als eine allgemeine Bezeichnung für die LGBTIQ+-Community verwendet.

Den CSD gibt es in Deutschland seit 1979, als er in Berlin und Bremen stattfand, um an die gewalttätigen Aufstände von LGBTIQ+-Personen in der Bar Stonewall Inn in New York. zu erinnern. Dort wurde 1969 einer Razzia von der Polizei, die sich besonders gegen die vielen Homosexuellen in der Bar richtete, Widerstand geleistet. Daraus resultierten drei Tage andauernde Straßenschlachten, an die im nächsten Jahr mit dem ersten CSD erinnert wurde. Seitdem gibt es den CSD in immer mehr Städten in der Welt.

Partystimmung und viele Infos

Der CSD Münster ging um 14:00 Uhr bei sehr bunter Partystimmung an den Aaseekugeln los. Insgesamt waren nach Polizeischätzungen über 10.000 Leute da, was man deutlich hören konnte. Es war die ganze Zeit über sehr laut. Viele Menschen waren mit riesigen Regenbogenflaggen und bunter Kleidung dabei. Vorne standen einige Dragqueens in farbenfrohen Kostümen, zum Beispiel in einem riesigem Regenbogenkleid. Gegen 14:15 Uhr gingen wir in Richtung Schlossplatz los und liefen von da aus in die Innenstadt am LWL-Museum vorbei. Am Anfang des Festzuges fuhr ein Wagen mit großen Boxen, aus denen laute Musik schallte. Wir liefen am Dom vorbei und kamen dann zum Rathaus, an dem eine große Regenbogenflagge wehte und an dem sehr viele Schaulustige standen, die Fotos gemacht oder der Parade zugejubelt haben. Besonders ausgelassen war die Stimmung, als wir um viertel nach drei am Kreisel ankamen. Danach ging es durch die zwei Eisenbahnunterführungen am Kino vorbei zum Hafen, an dem eine große Bühne und sehr viele Stände aufgebaut waren. Viele der Stände waren von LGBTIQ+-Organisationen, zum Beispiel KCM e.V., Livas e.V., das queere Jugendzentrum Track und die trans* und inter* Beratungsstelle T-I-MS. Dort standen ebenfalls viele Stände von Parteien. Auf der Bühne fanden eine Dragqueenshow, ein Live-Talk, ein Auftritt der Band Homophon sowie Vergissmeinnicht statt.

Input vom Experten

Ich hatte dort auch die Chance, Markus Chmielorz zu treffen, die LGBTIQ+-Ansprechperson der Stadt Münster. Ich sprach mit ihm über die aktuelle Situation der LGBTIQ+-Community in Münster. Zum Beispiel berichtete er von einer Studie, bei der Jugendliche aus Münster befragt wurden, ob sie queer sind. Das Ergebnis: elf Prozent der Jugendlichen ordnen sich der LGBTIQ+-Community zu. Auch habe ich von ihm erfahren, dass die Mathilde-Anneke-Gesamtschule die erste „Schule der Vielfalt“ in Münster ist. Das ist ein Programm, um gegen Diskriminierung in Schulen vorzugehen. Zum Beispiel wurden dort Unisex-Toiletten eingerichtet und insgesamt wird versucht, eine LGBTIQ+-freundliche Atmosphäre herzustellen. Außerdem erzählte mir Markus Chmielorz, dass sich seine Arbeit aktuell hauptsächlich um die inter- und trans Menschen dreht, da diese deutlich mehr Diskriminierung erfahren als andere der queeren Gemeinschaft.

Queerfeindliche Gewalttat, Trauer und Wut

CSD Münster 2022 - Regenbogenflagge am Rathaus© JvHDie schönen Erlebnisse und die Partystimmung wurden nach dem CSD leider von einer schrecklichen Gewalttat überschattet: Der 25-Jährige trans Mann Malte C. wurde am Abend, nachdem er zwei lesbischen Frauen zur Seite stand, die homophob beleidigt wurden, mit zwei Faustschlägen ins Gesicht bewusstlos geschlagen und verstarb am Freitag, 02. September, nachdem er eine Woche im Koma lag. Am gleichen Abend wurde für ihn am Rathaus eine riesige Trauerfeier abgehalten, zu der über 6.500 Menschen kamen und bei der eine Bühne aufgebaut war, auf der viele Menschen eindrucksvolle Reden gehalten haben. Einige von ihnen kannten ihn persönlich und erzählten aus seinem Leben und besonders von dem, was er während des CSDs vor einer Woche gemacht hat. Andere berichteten über ihre eigenen Erfahrungen mit queerfeindlicher Gewalt. Es war eine bedrückende Mischung aus Trauer und Wut, die dort zu hören war.