Hilfen zur Erziehung

Was sind Hilfen zur Erziehung?

Gemeint sind intensive Beratungs-, Betreuungs- und Hilfsangebote für dich und, oder deine Eltern bzw. Erziehungsberechtigten durch professionelle Fachkräfte. Sie dienen deinem Schutz und deiner Zukunft und können dir helfen dein Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Dabei wirst du stets als eigenständige Persönlichkeit respektiert und ernst genommen, denn es gilt: „Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.“ (§ 1 SGB VIII). Gemeinsam wird erlernt, wie ihr Alltagsprobleme, Konflikte und Krisen aus eigener Kraft meistern könnt.

Hilfen zur Erziehung sind freiwillig. Niemand ist verpflichtet, Hilfen zur Erziehung in Anspruch zu nehmen.

Hilfe für junge Volljährige (§41, SGB VIII)

Unter Hilfen für junge Volljährige werden Betreuungsangebote für junge Menschen verstanden, die zwar schon volljährig sind, jedoch bei der eigenständigen Lebensführung noch weiter Unterstützung benötigen. Diese Hilfe beantragst du selbständig – dies geht auch schon vor deiner Volljährigkeit. Die Hilfsangebote sind dabei grundsätzlich dieselben, die auch Minderjährigen oder Familien zur Verfügung stehen.

Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche (§35a SGB VIII)

Die Gestaltung dieser Hilfe richtet sich nach deinen speziellen Erlebnissen und Bedürfnissen. Gemeinsam mit deinem Betreuer oder deiner Betreuerin lernst du, mit deiner Persönlichkeit oder deiner Erkrankung angemessen umzugehen. Du lernst deine Stärken kennen und kannst diese für dich und deine Zukunft einsetzen.

Ziel der Eingliederungshilfe ist die Inklusion in die Gesellschaft und die Möglichkeit zu einer individuellen Lebensführung für Betroffene. Sie hilft beispielsweise bei ADHS, Suchterkrankungen, Essstörungen, Depressionen, Autismus, Angststörungen und vielem mehr. Sie kann einen jungen Menschen dabei unterstützen, wieder am Leben teilzuhaben, die Schule zu meistern, mit den Eltern zurechtzukommen oder seinen Freizeitbeschäftigungen wieder nachzugehen.

Kriseninterventions-Programme

In jeder Familie gibt es kleine und größere Krisen. Droht sie jedoch auseinander zu brechen, sind sogenannte Kriseninterventions-Programme hilfreich, welche die Situation schnellstmöglich entschärfen und so größeren Schaden in der Familienbeziehung abwenden können. Fachkräfte können dir und deiner Familie dabei helfen herauszufinden, wie es überhaupt zu dieser Krise kommen konnte. Daraufhin legt ihr gemeinsam Ziele für die Hilfe fest und erarbeitet Lösungen für ein zukünftiges Zusammenleben.

Ihr werdet solange unterstützt, bis die Krise abgewendet ist oder du und deine Familie aus eigener Kraft aus ihr herausfindet. Die meisten Programme sind auf sechs Wochen begrenzt. Sollte mehr Zeit nötig sein, kann deine Familie mit einer anderen Hilfeform weiterbetreut werden.

Gemeinsame Wohnformen für Mütter/ Väter und ihre Kinder (§19 SGB VIII)

Als junge Mutter bzw. junger Vater gibt es viele neue Aufgaben zu meistern. Wer als Teenager in die Elternrolle schlüpfen muss, ist häufig noch selbst mit dem „Erwachsen-Werden“ beschäftigt und die zusätzliche Verantwortung für ein Baby kann zur Überforderung führen, wenn sonst keinerlei Unterstützung vorhanden ist.

Hilfe bietet z.B. eine gemeinsame Wohnung, in der ihr als Eltern vorübergehend einziehen könnt. Ihr werdet dort gefördert und könnt in einem geschützten Umfeld, mit Hilfe eine*r Sozialarbeiter*in, in eure neue Rolle schlüpfen.

Ihr lernt, eigenständig zu leben, für euch und euer Kind zu sorgen und wie ihr euer neues Leben positiv gestalten könnt. Als werdende Eltern könnt ihr vor, während und nach der Geburt in dieser Wohnform, von einem Team aus den Bereichen Pädagogik, Geburtshilfe und Pflege, betreut werden. Während des Aufenthalts wirst du oder dein*e Partner*in dabei unterstützt, eine schulische oder berufliche Ausbildung zu beginnen oder abzuschließen und eine Berufstätigkeit aufzunehmen. Das alles gilt natürlich ebenso für Alleinerziehende.

Heimerziehung, sonstige betreute Wohnformen (§33 SGB VIII)

Wenn du momentan nicht in deinem eigentlichen Zuhause leben kannst oder willst, dann bietet dir die Heimerziehung oder eine betreute Wohnform ein zeitlich befristetes neues Zuhause. Das kann eine Wohngruppe sein oder eine sonstige Einrichtung in der du über Tag und Nacht bleiben kannst. So kannst du und deine Familie von den alltäglichen Problemen entlastet werden.
Zusammen mit deinem/-r zuständigen Sachbearbeiter*in auf dem Jugendamt erarbeitest du die für dich am besten passenste Lösung. Das hängt immer sehr von deinem Alter und deinem Entwicklungsstand ab, aber natürlich auch von den freien Plätzen und Aufnahmekapazitäten in den Wohngruppen. Es gibt die Möglichkeit alleine in einem Apartment oder in einer kleinen Wohngemeinschaft zu wohnen. Du wirst vor Ort je nach Alter, Entwicklungsstand und Bedürfnissen entsprechend gefördert.
Im Optimalfall ist dies eine Übergangslösung. So können sich durch die Hilfe entweder die Erziehungsbedingungen in deiner Herkunftsfamilie verbessern und du kannst versuchen wieder Zuhause zu wohnen. Oder die Hilfe kann als Übergang helfen, mit dem Ziel, einen dauerhaften Lebensmittelpunkt für dich in einer Pflegefamilie zu finden. Oder wenn du dich wohlfühlst kann sie eine auf längere Zeit angelegte Lebensform bieten, um dich auf ein selbständiges Leben in deinen eigenen vier Wänden vorzubereiten. Pädagogische Maßnahmen und ein geregelter Alltag helfen dir auf deinem Weg. Du wirst auf ein selbständiges Leben vorbereitet, kannst eine Ausbildung absolvieren und einen Beruf erlernen.

Sozialpädagogische Familienhilfe (§31 SGB VIII)

Die sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) ist eine Form von Erziehungshilfe, die sich an das ganze Familiensystem richtet (d.h. an dich, deine Geschwister, deine Eltern oder an Alleinerziehende, …). Sie wird immer dann bewilligt, wenn sich deine Familie in einer schwierigen Lebenssituation befindet oder ihr euch bei der Alltagsbewältigung überfordert fühlt. Ein*e Sozialpädagog*in kann deine Familie durch intensive Betreuung und Begleitung unterstützen (je nach Bedarf bis zu 1,5 Jahren), indem sie euch zuhause besucht, euch hilft, den Haushalt zu organisieren oder das Zusammenleben in der Familie zu verbessern. Es finden nach den Bedürfnissen der Familie, gemeinsame und, oder Einzeltermine statt. Angeboten wird sie von öffentlichen und freien Trägern, bewilligt und finanziert über das Jugendamt.  

Soziale Gruppenarbeit (§29 SGB VIII)

Simon hat ständig Stress in der Berufsschule und weiß nicht wohin mit seinen Aggressionen, weshalb er sie oft genug an seinen Mitschüler*innen auslässt. Er fängt eine Schlägerei an, wird angezeigt und landet mit 17 Jahren schließlich das erste Mal vor Gericht. Dieses ordnet ein Training an, bei dem er lernt, mit seinen Aggressionen besser umzugehen. Auch seine Eltern werden in das Training mit einbezogen. So kann er sich schließlich bessern und ein gewaltfreies Leben führen.

Die soziale Gruppenarbeit richtet sich an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 21 Jahren auf freiwilliger Basis oder unter richterlicher Anordnung. Ziel ist die zukünftige Straffreiheit der Teilnehmenden sowie die Förderung von sozialen Kontakten, der eigenen Persönlichkeit, des Selbstwertgefühls und der richtige Umgang mit Konflikten und Stresssituationen. Welche Angebote es für eine soziale Gruppenarbeit in Münster gibt, kannst du über die Streetworker*innen in deinem Stadtteil oder über die Jugendförderung, einer Abteilung des Jugendamtes, erfahren. Ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ist eine gemeinsame Gruppenerfahrung durch z.B. Sport, Selbstbehauptungstraining, Kochen etc., um Teamgeist und die Kooperation in der Gruppe zu stärken. In einem geschützten Rahmen und mit Menschen, die deine Situation nachempfinden können, kannst du z.B. gemeinsam deine Verhaltensweisen in Frage stellen und neue Fähigkeiten erlernen, die dich in deinem Leben neu starten lassen.

Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung (§35 SGB VIII)

Die intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung ist ein Angebot für Jugendliche und junge Erwachsene, wenn andere Hilfsmaßnahmen nichts mehr bewirken. Sie ist auf Persönlichkeiten ausgelegt, die eine sehr individuelle, flexible und auf ihre Lebensumstände abgestimmte Unterstützung benötigen.

Ziel ist es, dir eine Perspektive zu geben, dich zu motivieren, ein eigenverantwortliches Leben zu führen und dich persönlich und sozial weiterzuentwickeln. Außerhalb deines gewohnten Umfeldes hast du Gelegenheit, neue Verhaltensmuster zu erlernen und die Basis für ein geregeltes, unabhängiges Leben zu schaffen.

Erziehung in einer Tagesgruppe (§32 SGB VIII)

In einer Tagesgruppe soll deine persönliche Entwicklung durch soziales Lernen, eingebettet in einer Gruppe, unterstützt werden. Sie soll eine Begleitung deiner schulischen Förderung beinhalten und durch Elternarbeit der Verbleib in deiner Familie gesichert werden. Gründe für diese Hilfe sind oft seelische und emotionale Belastungen mit sich selbst oder Zuhause, die einer intensiveren Betreuung bedürfen.
Die Bindung zur deiner Familie soll dabei bestehen bleiben. Bei diesem Angebot kannst du soziale Fähigkeiten in der Gruppe erlernen, dir Hilfe bei schulischen Herausforderungen holen und deine Persönlichkeit fördern lassen.

In einer Tagesgruppe befindest du dich nur tagsüber nach Schulschluss und kommst am späten Nachmittag wieder nach Hause zu deiner Familie.

Die Betreuerinnen und Betreuer arbeiten zudem eng mit deinen Eltern oder Erziehungsberechtigten zusammen, damit deine erzielten Fortschritte auch außerhalb der Gruppe zum Tragen kommen.

Erziehungsbeistandschaft (§30 SGB VIII)

Die Erziehungsbeistandschaft (Ebei) ist eine individuell zugeschnittene Hilfe für ältere Kinder und Jugendliche, zur Stärkung und Stabilisierung ihrer Lebensmittelpunkte in ihrem Alltag und innerhalb der Familie. Ein*e nur für dich zuständige*r Sozialarbeiter*in klärt deine familiäre und soziale Lage, deine Bedürfnisse und Wünsche ab und hilft dir, für dich passende Lösungen zu erarbeiten.

Diese Person kann dir und deinen Eltern z.B. helfen, gemeinsam Konflikte vernünftig zu lösen oder dich dabei unterstützen, selbstständiger zu werden und dich besser in dein soziales Umfeld (Freunde, Schule, etc.) einzugliedern.

Erziehungsberatung (§28 SGB VIII)

Die erste Anlaufstelle bei Problemen ist häufig eine unabhängige Erziehungsberatungsstelle oder das Jugendamt. Diese Hilfe richtet sich an Familien, Kinder, Jugendliche, jungen Erwachsene, Eltern, Alleinerziehende sowie Bezugspersonen wie beispielsweise Erzieher*innen oder Lehrer*innen. Das bedeutet, dass die Erziehungsberatung nicht nur deinen Eltern oder Erwachsenen mit Kindern, sondern auch dir als Kind oder Jugendlicher selbst offensteht. Auch du kannst dich entweder bei einer unabhängigen Beratungsstelle oder direkt beim Jugendamt beraten lassen.

Alle Gespräche mit den Fachkräften sind natürlich vertraulich. Sie unterliegen der gesetzlichen Schweigepflicht. Mit einer Ausnahme: Die Berater*innen sind gesetzlich dazu verpflichtet, im Falle einer Kindeswohlgefährdung (§8a SGB VIII), im besten Fall gemeinsam mit dir, weitere Schritte einzuleiten, um deine Gefährdung zeitnah zu beenden. Eine Kindeswohlgefährdung liegt vor, wenn eine erhebliche Schädigung des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls eines Kindes/Jugendlichen droht oder bereits eingetreten ist.

Die Berater*innen helfen beispielsweise bei Erziehungsfragen oder familiären Problemen mit deinen Eltern oder Erziehungsberechtigten. Verhaltens- oder Entwicklungsstörungen werden diagnostiziert und behandelt. In komplizierteren Fällen werden auch therapeutische Lösungen angeboten.

In der Erziehungsberatung arbeiten verschiedene Fachkräfte Hand in Hand. Sie kommen aus den Bereichen Psychologie, Sozialpädagogik, Logopädie, Heilpädagogik sowie Ehe- und Familienberatung. Diese fächerübergreifende Zusammenarbeit ermöglicht eine umfassende Beratung, die sowohl vorbeugend als auch akut Hilfe leisten kann.

Wie bekomme ich Hilfe?

Voraussetzung für die Hilfe ist ein formloser Antrag beim Jugendamt. Ein*e für dich und deine Familie zuständige*r Sachbearbeiter*in wird in einem ausführlichen Gespräch euren Bedarf prüfen. Deshalb erfolgt die Antragsstellung in den meisten Fällen durch deine Eltern oder eine andere Person, die das Sorgerecht für dich haben. Du kannst aber auch (mit einer Person deines Vertrauens oder z.B. eine*m Streetworker*in) dich selbst beim Jugendamt melden und den Antrag für eine ambulante Hilfe stellen.

Das Jugendamt informiert dich und deine Eltern im Rahmen eines Hilfeplan-Verfahrens über eure Rechte. Ihr sprecht in Einzelgesprächen oder zusammen eure Probleme und Bedürfnisse an und klärt gemeinsam mit dem Jugendamt, welche Arten von Hilfen angeboten werden und wie die jeweiligen Hilfeformen aussehen.

Deine Eltern und du vereinbaren dann mit dem Jugendamt und einem ausgewählten Träger (Institution, Behörde etc.), welche Ziele mit der Hilfe erreicht werden sollen. Die gemeinsam festgelegten Ziele entscheiden über die Art, die Dauer und den Umfang der Hilfe.

 

Welche unterschiedlichen Hilfen gibt es?

Es gibt verschiedenste Arten von Erziehungshilfen, die in einem intensiven Gespräch mit dem Jugendamt, dir und deinen Eltern auf eure Bedürfnisse abgestimmt werden. Es gibt zum Beispiel die ambulante Hilfe, bei der eine Fachkraft zu dir nach Hause kommt und dich und deine Eltern bzw. Erziehungsberechtigten bei Alltags- und Erziehungsfragen unterstützt.

Die sogenannte Erziehungsbeistandschaft fokussiert sich dagegen nur auf dich und deine Wünsche und hilft dir, deinen richtigen Weg einzuschlagen. Sie kann dich zu Hause, in der Schule, im Jugendzentrum oder im Sportverein besuchen – eben da, wo dein Alltag stattfindet und du dir Unterstützung wünscht.

Zudem gibt es noch stationäre Angebote, wie betreutes Wohnen für Jugendliche, wenn du Zuhause einfach rausmusst. Diese Hilfen werden von verschiedensten Organisationen in Münster angeboten.  

An wen richten sich Hilfen zur Erziehung?

In jeder Familie kann es mal zu Problemen im Miteinander kommen. Die ambulanten Erziehungshilfen richten sich teilweise direkt an dich, aber wenn du noch minderjährig bist, meistens an deine Eltern oder Erziehungsberechtigten, die bei verschiedensten Erziehungsaufgaben Unterstützung benötigen. Generell werden dabei alle Familien mit Kindern unter 18 Jahren angesprochen (in Ausnahmefällen s.u. bis 21 Jahren).

Die Gründe für eine Hilfe können dabei sehr unterschiedlich sein. Du und deine Familie können Hilfe benötigen bei:

  • Erziehungsfragen
  • der Haushaltsführung
  • der Bewältigung des Familienalltages
  • familiären Krisen durch Trennung, Scheidung oder Suchtproblemen, Gewalt oder Vernachlässigung
  • psychischen Problemen
  • der Überwindung von Armut oder Arbeitslosigkeit
  • schwierigen Phasen in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, zum Beispiel bei Konflikten in der Pubertät, bei problematischen Übergängen (etwa Wechsel der Schule oder Beginn einer Ausbildung) und bei fehlender Förderung
  • dem Kontakt mit Ämtern und Institutionen.