(© Buchhandlung Schatzinsel, P. Seiler

Jugendliche und Bücher - passt das noch zusammen?

(eh) Wie viele von euch lesen eigentlich regelmäßig? Zugegebenermaßen eine ungewöhnliche Frage, um einen Artikel zu beginnen, aber genau darum geht es hier. Um das Lesen. Genauer gesagt, um das Leseverhalten der Jugend. Lass uns ein paar Fakten anschauen und hören, was der Inhaber der Münsterschen Buchhandlung „Schatzinsel“ in einem Experteninterview dazu meint.

Schon länger ist das Thema Digitalisierung ein fester Bestandteil des politischen Diskurses in Deutschland, aber seit Beginn der Corona-Pandemie ist es nun kaum mehr wegzudenken. Ob in Talkshows, Zeitungen, Interviews oder im Wahlkampf: die Digitalisierung steht an vorderster Stelle, doch in dieser Debatte spielt auch stets ein weiteres Thema eine große Rolle. Es wird diskutiert, welche Auswirkungen die ständige Konfrontation mit digitalen Medien auf Jugendliche hat. Welche Unterschiede gibt es im Vergleich zur vorigen Generation? Wie ändern sich die Gewohnheiten? Die Befürchtung: Jugendliche hängen den ganzen Tag nur noch vor Handy oder Computer und verabschieden sich völlig von analogen Dingen wie eben auch von Büchern. Das Lesen verliere immer mehr an Bedeutung. Warum die eigene Vorstellungskraft nutzen, wenn in Computerspielen oder auch Filmen fertig designte, bis ins kleinste Detail durchdachte Welten auf einen warten? Die Meinung der Öffentlichkeit scheint klar. Der Jugend von heute fehlt die Vorstellungskraft und auch der Wille, um sich mit Büchern auseinanderzusetzen.

Auch ich dachte immer so. Ich persönlich lese sehr gerne und auch sehr viel, aber mir kam es immer so vor, als wäre ich damit relativ allein. Bei meiner Recherche für diesen Artikel wurde ich überrascht.

Laut der offiziellen JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest, liegt der Anteil der regelmäßig lesenden Jugendlichen seit 20 Jahren konstant bei etwa 40 Prozent. Für die Studie aus dem Jahre 2018 wurden in einem Zeitraum von etwa zwei Monaten deutschlandweit 1200 Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren telefonisch befragt. Die Umfragen ergaben außerdem, dass das Leseverhalten auch etwas mit dem Geschlecht zu tun hat. Mädchen* greifen wohl häufiger zum gedruckten Buch als Jungen*.

Das Interesse an digitalen Büchern, also E-Books, ist eher gering. Nur etwa 7 Prozent gaben an, regelmäßig E-Books zu lesen, doch das ist im Vergleich zum allgemeinen Trend nicht wirklich überraschend. E-Books sind lange nicht so beliebt, wie man vielleicht denken würde, doch in den letzten Jahren, besonders im Pandemiejahr 2020, konnten auch sie an Bedeutung gewinnen.
(Quelle Bitkom)

Bücher haben doch eine bessere Chance bei der Jugend als vermutet

© luminastock - Depositphotos.com© luminastock - Depositphotos.comDie Frage ist natürlich, ob solche repräsentativen Umfragen auch im Alltagsleben Gültigkeit haben. Unter anderem darüber habe ich in einem kurzen Interview mit Peter Seiler gesprochen. Er ist Inhaber der Buchhandlung „Schatzinsel“ in Münster.

Auf die Frage hin, ob er in seiner Form als Buchhändler in den letzten Jahren einen „Schwund“ der analogen Bücher oder eine Umorientierung Richtung E-Books bemerken konnte, antwortet Herr Seiler: „Da merken wir tatsächlich keinen großen Unterschied.“ Die Menschen würden zwar E-Books kaufen, diese aber anders nutzen. „Ganz häufig werden die E-Books für die Arbeit oder für den Strand gekauft, aber trotzdem kaufen die Leute auch nach wie vor gedruckte Bücher, um sie sich ins Regal zu stellen.“ Er ergänzt jedoch, dass es schwierig sei, das Leseverhalten der Gesamtgesellschaft zu beurteilen, schließlich kämen in eine Buchhandlung ja auch nur die Menschen, die sowieso schon lesen.

Auch durch die Pandemie verkaufe die „Schatzinsel“ nicht weniger, eher im Gegenteil. Durch den Lockdown seien sehr viele neue Kunden dazu gekommen, die dem Geschäft auch jetzt treubleiben würden. Die „Schatzinsel“ eröffnete während des Lockdowns einen Lieferservice, mit dem sie viele Kund*innen begeistert. Die Waren werden hier online bestellt und können dann vor Ort in der Buchhandlung abgeholt werden. Nicht nur eine praktische, sondern auch eine ökologischere Alternative zum Bestellen bei großen Online-Händlern.

Beim Leseverhalten der Jugend empfindet Herr Seiler einen Interesseverlust an Büchern in einem gewissen Alter als normal. Er selbst habe in seinem Leben auch so eine Phase erlebt und bezeichnet sie passend als „Leseknick“. In dieser Zeit seien eben andere Dinge wichtiger. Er habe jedoch, auch durch seine Ausbildung zum Buchhändler, mit der Zeit wieder zurück zum Lesen gefunden: „Das kommt oft später wieder.“

Auf die Frage hin, ob konkret in der Buchhandlung „Schatzinsel“ jugendliche Kundschaft vertreten sei, überrascht mich Herr Seilers Antwort. „Ich würde vielleicht fast sagen, es sind wieder mehr geworden“, sagt er. Früher habe die „Schatzinsel“ ein Problem gehabt, Jugendliche zu erreichen. Es sei „uncool“ gewesen, in eine Buchhandlung mit dem Schwerpunkt „Kinderbuch“ zu gehen, aber jetzt habe er den Eindruck, Jugendliche würden öfter in ihrer Freizeit mal vorbeischauen. Sei es alleine oder mit einem Freund oder einer Freundin zusammen. Es könne aber natürlich auch sein, dass diese Jugendlichen bereits mit der Buchhandlung großgeworden seien, fügt er noch hinzu. „Das wäre bei mir auch der Fall“, antworte ich daraufhin und das ist wirklich so.

Buchhandel ist mehr als nur verkaufen

Die „Schatzinsel“ ist eine wirklich besondere Buchhandlung. Sie ist klein, hat aber in keinster Weise weniger zu bieten als große Ketten. Die Atmosphäre hier ist ganz anders, viel persönlicher und gemütlich. Veranstaltungen wie Lesungen finden unter Normalbedingungen auch hier statt. Die „Schatzinsel“ veranstaltet beispielsweise den jährlichen Vorlesewettbewerb, von dem einige von euch sicherlich schon einmal gehört haben werden. Auch namenhafte Autor*innen wie zum Beispiel Katja Brandis (vor allem bekannt für ihre „Woodwalkers-Serie“) und Andreas Steinhöfel (z.B. „Rico und Oscar“) waren bereits bei Veranstaltungen der „Schatzinsel“ zu Gast.

Im Moment seien allerdings keine weiteren Events in Planung. Corona machte auch hier, wie bei so vielem, einen Strich durch die Rechnung. „Ich denke, wir werden uns dann Anfang nächstes Jahr wieder damit auseinandersetzen, wenn dann tatsächlich Licht am Ende des Tunnels ist“, erklärt Seiler.

Ein aktueller Buchtipp

Zum Schluss frage ich noch nach einem aktuellen Buchtipp. Herr Seiler empfiehlt mir „Blackout“, geschrieben in Coronazeiten von sechs amerikanischen Schriftstellerinnen, darunter auch Angie Thomas, die viele sicherlich von ihrem Bestseller „The hate u give“ kennen. Es geht um mehrere, teils queere Liebesgeschichten, die in New York während eines Stromausfalls spielen. „Ich fand das total toll. Das ist ein junger Ton, toll erzählt und man lernt total sympathische Typen kennen“, so Seilers Fazit.

Ein großes Dankeschön an das Team der „Schatzinsel“ und an Herrn Seiler!

Nachsatz

Ich finde es wichtig, vor allem in Zeiten des riesigen Online-Handels auch kleine Geschäfte zu unterstützen und kann euch die Buchhandlung nur wärmstens empfehlen.

Die Website der „Schatzinsel“ und die für Online-Bestellungen kannst du so direkt besuchen.

Quellen:

https://www.buchreport.de/news/jim-studie-leseverhalten-von-jugendlichen-ist-stabil/

https://www.uni-hamburg.de/newsletter/archiv/April-2013-Nr-49/Studie-zeigt-Neue-E-Book-Reader-veraendern-Leseverhalten-.html

Privates Interview mit Peter Seiler am 10. November 2021