Schreibtisch voller Bücher und Lernheft
© M.Hendler

„Wir bekommen viel zu viele Hausaufgaben auf!"

(mh) Das hast Du bestimmt auch schon mal gedacht. Und als ich mich mal wieder darüber beschwert habe, ist es zu diesem Artikel gekommen. Mein Jammern wurde nicht, wie so oft, mit einem Augenverdrehen abgetan - ganz im Gegenteil unsere Beschwerden haben ihre Berechtigung, denn, auch wenn es manchmal, wie pure Faulheit wirkt, kann doch mehr dahinter stecken, als man auf den ersten Blick sieht.

„Durch Hausaufgaben vermischen sich Schule und Privatleben“

Ein Schreibtisch im Schlafzimmer, vor dem Einschlafen noch ein Blick auf die Matheaufgaben, die Hobbys absagen, weil dieses Projekt fertig gemacht werden muss. Dieses Problem wurde durch das Homeschooling noch verstärkt, bei dem in den meisten Fällen das gesamte Schulleben im Zimmer der Kinder und Jugendlichen stattgefunden hat. Dabei sollte das eigene Zimmer doch einen Rückzugsort darstellen. Kann diese Funktion noch erfüllt werden, wenn wir in diesem Umfeld immer wieder an die Schule erinnert werden und gedanklich nicht davon wegkönnen? Die Problematik wird noch klarer, wenn man sich die Situation im Berufsleben anschaut. Beim typischen "9 to 5"-Job arbeitet man in einem Büro außerhalb des privaten Umfelds, kommt nach Hause und muss sich nicht mehr um die Arbeit kümmern. Auch haben Erwachsene oft ein eigenes Arbeitszimmer, wenn sie von zu Hause aus arbeiten und nicht einen Schreibtisch in ihrem Schlafzimmer stehen.

So weit so gut, aber warum ist die Vermischung überhaupt problematisch?

Die Antwort zu dieser Frage findet sich in der These: Jugendliche brauchen Freizeit. An dieser Stelle kann die Vermischung von Schule und Privatleben und die Menge der Hausaufgaben zu Problemen führen. Als Hausaufgaben zählt hier übrigens alles, was außerhalb der Schule für die Schule gemacht wird. Also nicht nur die typischen "Hausaufgaben" (Mathe: S. 64 Nr. 7 a) und b)), sondern auch das Lernen für Arbeiten, das Fortführen von Projekten und Ähnliches. Die eben genannte These wirft eine weitere "Warum?"-Frage auf, und auch die möchte ich beantworten.

Habt ihr schon mal etwas von "Entwicklungsaufgaben" gehört?

Hängematte © carballo - depositphotos.comKeine Sorge, hatte ich bis zu dieser Recherche auch nicht. Das sind im Prinzip "Aufgaben", die man in einem bestimmten Alter erfüllen sollte. Jugendliche zum Beispiel sollen eigene Werte finden, selbstständig werden und eine Berufswahl treffen. Normalerweise passieren diese Dinge quasi nebenbei. Das liegt aber daran, dass man sie passieren lässt. Die Aufgaben, die in diesen Entwicklungsaufgaben stecken, erfüllt man zum größten Teil nicht in der Schule. Sie brauchen Zeit. Zeit, in der man neue Dinge ausprobiert, sich selbst kennenlernt und entscheidet, was für ein Mensch man ist und werden möchte. Aber was, wenn diese Zeit nicht da ist? Das kann zu Problemen führen, Probleme mit sich selbst.

Das Ding mit diesen Entwicklungsaufgaben ist nämlich: Sie schreiben uns nicht vor, was wir in unserem Leben tun müssen. Im Gegenteil, sie wurden vom Leben abgeschrieben. Sie beschreiben was im Leben passiert, wie sich jeder normalerweise entwickelt, statt es uns, wie der Name vermuten lässt, es vorzugeben. Das ist wichtig. Auch wenn wir den Begriff "Entwicklungsaufgaben" noch nie gehört haben, merken wir, wenn wir eine nicht rechtzeitig erfüllen.

Gemeinsam mit den Aufgaben selbst wurden auch die Reaktionen auf den "Entwicklungsdruck" bei deren Nichterfüllung identifiziert. Um sie kurz zusammenzufassen: Es gibt die Aggression nach außen gegen Mitmenschen, das Ausweichen und Flüchten, bei dem Betroffene sich oft in Feldern wie Drogenkonsum wiederfinden und die Aggressionen nach innen, gegen sich selbst gerichtet. Wie du merkst: Das klingt alles sehr negativ und wie ein Punkt, an den niemand von uns kommen möchte. Um ein bisschen Angst aber wieder zu nehmen: Man kann die Aufgaben auch zu einem späteren Zeitpunkt "nachholen", da gibt es keine zeitlichen Grenzen. Trotzdem sollten wir auf uns aufpassen.

Und manchmal bedeutet das: Prioritäten setzen!

Man kann nicht alles auf einmal machen und vielleicht braucht man auch einfach mal ein paar Stunden für sich. Und das ist völlig okay! Finde heraus, was dir wichtig ist. Finde deine eigenen Werte und findet Dinge, die dich begeistern. Und wenn du wirklich zu viele Hausaufgaben aufbekommst und keine Zeit mehr hast: Sprich mit deinen Lehrkräften - oder entscheidet für dich selbst. Vielleicht reicht es ja auch mal, statt 100% nur 60% zu geben und die anderen 40% für etwas anderes zu nutzen.

Schule ist wichtig, keine Frage. Aber wir sind wichtiger.