Queer sein dürfen oder: Willkommen im Track!

Auf den ersten Blick geht es im „Track“ zu wie in vielen anderen Jugendzentren: In der alten Dechanei in St. Mauritz treffen sich junge Menschen zum spielen, Musik hören und abhängen – und reden dabei über alles, was sie beim erwachsen werden beschäftigt. Dort hat die Kanello-Redaktion auch Carry und Nooroo getroffen. Beide heißen eigentlich anders, sind mittlerweile über 20 und gehören im Track zu den „alten Hasen“. Sie haben das Jugendzentrum als einen Ort erlebt, der sie persönlich weiter gebracht gat. Heute engagieren sie sich dort selbst für Jugendliche, die queer leben wollen.

Nooroo: Bei mir hat alles 2011 mit einem Kontakt über Facebook angefangen. Wegen meiner Familie hatte ich mich damals mit einem Besuch noch zurückgehalten. 2015 bin ich dann auch persönlich dorthin. Ich stand da, weit vor den Öffnungszeiten, und bin erst einmal auf eine Teamerin getroffen. Nach und nach kamen dann die anderen Jugendlichen und es war damals genauso, wie es heute ist: Wir haben erst einmal angefangen zu spielen. Ich wurde einfach ins Spiel integriert und fühlte mich sofort angekommen. Weil ich gleich gemerkt habe: Hier sitzen Leute, die ähnlich sind wie ich – auch wenn sie individuell unterschiedliche Baustellen haben. Damit konnte ich mich gut identifizieren und mit den Leuten in Kontakt kommen.

Kanello: Es hat also vier Jahre gedauert, bis Du bereit warst, in der realen Welt mit jemandem zu sprechen. Oder konkret: mit jemandem über Deine Homosexualität zu sprechen?

Nooroo: Ja, meine Familie stammt aus Sri Lanka und dort ist das immer noch ein Tabuthema. Im Track habe ich deshalb erst einmal viel darüber gesprochen, wie ich es meiner Familie erzählen kann. Zu meinem Vater habe ich keinen Kontakt, aber meine Mutter und meine engen Verwandten haben auf mein Outing 2015 sehr zurückhaltend reagiert. Das ist eigentlich bis heute so. Aber auch in Deutschland stecken ja viele immer noch den Kopf in den Sand. Individuell reagieren Eltern eben, wie sie reagieren. Trotzdem glaube ich, dass es kulturelle Hintergründe gibt, die verstärkend hinzukommen. Meine Freunde haben dagegen alle super reagiert.

Kanello: Ist Deine Geschichte ähnlich, Carry? Wie bist Du ins Track gekommen?

Carry: Anders als bei Nooroo hat meine Familie sehr unkompliziert reagiert. Meine Mama wusste wenig über das Thema, war aber gelassen. Vor etwa drei Jahren bin ich dann über meine ehemalige Partnerin ins Track gekommen. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass es ein solches Angebot überhaupt gibt. Anders als Nooroo hatte ich den Vorteil, dass ich beim ersten Besuch nicht alleine war. Unten am Kicker standen zwei Leute mit grünen und blauen Haaren und als erstes habe ich gedacht: Was ist das denn für ein bunter Haufen! Ich war irritiert, weil ich aus einer eher konservativen, durchaus spießigen Gesellschaft kam – nicht im familiären Sinn, sondern von der Stadt her. Ich wohnte damals noch in der Nähe von Münster und von dort war ich es einfach nicht gewohnt, Gleichgesinnte oder überhaupt alternative Menschen zu treffen.

Und dann war da ein Ort, der so anders war, als die Jugendzentren, die ich so kannte. Man kam rein und wurde von den Teamern als auch von den Leuten, die da waren, sofort angenommen. Für mich war das ein direkter Unterschied zu anderen Jugendzentren, in denen ich mich auch schon freiwillig engagiert hatte. Überall gab es eigentlich immer Grüppchen, die nur notgedrungen miteinander kommuniziert haben. Wenn man dort als neue Person ankam, war es ganz oft so, dass man schief angeguckt wurde und keiner offen auf einen zugekommen ist. Dort hatte ich eigentlich nie das Gefühl, angekommen zu sein.

Nooroo: Mittlerweile lebe ich alleine und komme ganz gut klar. Ins Track gehe ich aber immer noch regelmäßig. Es spielt eine wichtige Rolle für mich, auch wenn ich heute über 20 Jahre alt bin. Das Track ist nach wie vor ein Schutzraum für mich und auch ein bisschen wie eine neue Familie. Irgendwann fragt eigentlich immer jemand: Wer geht zu Rewe? Dann gehen wir einkaufen, kochen, essen und spielen zusammen. Selbst wenn das Track geschlossen ist, treffen wir uns manchmal auf dem Schulhof und quatschen. Wir haben auch schon zusammen Ausflüge gemacht oder haben am Aasee gegrillt. Wir sind wirklich familiär miteinander.

Carry: Ja absolut, das Track ist für mich auch wie eine zweite Familie. Dort ist es einfach so, dass jeder – auch wenn das tragisch ist – irgendwann im Leben Erfahrung gemacht hat mit Diskriminierung. Oder damit, nicht so angenommen zu werden, wie man schlussendlich ist. Ich glaube, dass die Leute im Track deswegen viel, viel offener auf einen zukommen. Wenn ich mich zum Beispiel als queere Person in einem normalen Jugendzentrum outen würde, dann würde ich immer noch schief angeguckt, doof belächelt oder auch beleidigt und angemacht werden. Weil es in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert ist. Anders herum betrachtet: Käme jemand, der „hetero lebt“, bei uns ins Track – es gäbe keinen Unterschied. Anderes Beispiel: Ich bin gelernte Erzieherin und habe früher in einer katholischen Einrichtung gearbeitet. In den Teams spielte es keine Rolle, aber ich wusste, dass mein Arbeitgeber es nicht toleriert, dass ich nicht gesellschaftlich normativ lebe. Bis heute überlege ich mir auch, ob ich mit meiner Partnerin Händchen haltend über die Straße gehe. Man hat mich dafür beleidigt, man hat mir auf die Schuhe gespuckt und einiges mehr. Das Track ist deshalb als Schutzraum wichtig für mich – auch wenn ich es grundsätzlich traurig finde, dass so ein spezialisiertes Jugendzentrum noch notwendig ist.

Nooroo: Das Track hat auch eine Vorbildfunktion für andere. Zu uns kommen immer wieder Jugendliche aus der Region – oder sogar aus Dortmund und Osnabrück – weil sie sagen: Bei uns gibt es so etwas nicht. Ich glaube nicht, dass man dort das Angebot nicht braucht, sondern dass es einfach fehlt.

Carry: Was mir außerdem auffällt, ist, dass die Altersspanne einfach keine Rolle spielt. Track ist eine Anlaufstelle für 14- bis 27-jährige. Das ist vielleicht in anderen Jugendzentren ähnlich – es ist aber nicht selbstverständlich, dass ich mich nachmittags mit einem 14-jährigen treffe. Einfach deshalb, weil wir fast zehn Jahre auseinander liegen. Man wächst viel eher über Themen wie kochen, spielen oder Musik zusammen. Mittlerweile haben wir zum Beispiel zwei Bands gegründet und da sind die Leute auch ganz unterschiedlich alt.

Carry: Nooroo und ich haben uns vor knapp drei Jahren kennen gelernt und aufgrund der guten Erfahrung, die wir hier gemacht haben, an sogenannten TAMS teilgenommen. TAMS bedeutet so viel wie Trackies-Als-Multiplikatoren-Schulung.

Carry: In den Seminaren geht es einerseits darum, sich selbst zu reflektieren. Aber eben auch darum, auf neue Leute zugehen zu können und sie zu unterstützen oder zu begleiten. Es ist ja so, dass viele erst einmal verzweifelt sind, die zu uns kommen.

Nooroo: Sie wissen oft nicht, wo sie gerade stehen oder wer sie eigentlich sind. Oder ob und wie sie sich zum Beispiel gegenüber ihrer Familie outen sollen. Erst einmal besprechen sie diese Fragen natürlich mit den Teamern. Aber wenn sie Beziehungsstress haben, traurig oder wütend sind und die Teamer gerade im Gespräch sind, dann können sie auch zu uns kommen. Wir sind ja schon länger da und kennen uns mit vielen Themen auch aus eigener Erfahrung aus. Das schafft Vertrauen. In solchen Fällen kann dann auch Toni weiterhelfen.

Kanello: Wer ist Toni?

Nooroo: Toni ist ein Kuscheltier und unser Maskottchen. Es sieht aus, wie eine Schildkröte, ist geschlechtslos und hat kein Pronomen. Wenn man sich an Toni festhält, kann man viel besser über alles sprechen – oder auch mal draufhauen, wenn die Gefühle Überhand nehmen. Toni vermittelt und macht Gespräche möglich. Und das ist ja das, was wir bei Track alle wollen.

Carry: Mir ist noch wichtig, zu sagen, dass das Engagement unter der Jugendlichen im Track allgemein sehr hoch ist. Die Teamer sind bei allen Fragen für uns da und auch ohne Schulung gehen hier alle auf alle zu. Gerade weil wir so verschiedene Charaktere sind. Mit den einen komme ich besser klar, mit den anderen Nooroo. Und bei jemand Drittem ist es wieder anders.

Nooroo: Die Schulungen werden regelmäßig im Herbst angeboten und außer uns gibt es eine ganze Reihe Leute, die sich weitergebildet haben. Carry und ich sind aber tatsächlich bereits am längsten aktiv und haben die Seminare auch schon mehrmals besucht. Im Track selbst zählen wir auch schon zu den Älteren, weil es unter den Jugendlichen auch Fluktuation gibt. Menschen, die ich vor drei Jahren kennen gelernt habe, kann ich an einer Hand abzählen. Aktuell sind viele Jüngere da. Es kommen immer wieder neue Menschen zusammen und deshalb ist die Konstellation immer wieder anders.

Carry: Was wir im Seminar auch gelernt haben ist, die Leute dort abzuholen, wo sie stehen. Nooroo und ich sind da sehr empathisch und feinfühlig. Als ich das erste Mal hergekommen bin, habe ich mir das Schlimmste ausgemalt und gedacht: Oh Gott, gleich kommst Du da rein und die erste Frage ist: „Stehst Du auch auf Frauen?“ War natürlich alles nicht so. Es stellt sich heraus: Wenn eine Person reden will, kommt sie von sich aus auf uns zu. Das kann dauern und wir können auch Gesprächsangebote machen – aber wer nicht reden möchte, muss das auf keinen Fall.

Nooroo: Fragen nach Identität oder sexueller Neigung sind ja sehr persönlich und intim. Man überschreitet mit solchen Fragen die persönliche Distanz, die jeder Mensch hat und braucht. Wir warten also erst, bis wir die Erlaubnis bekommen, diese Distanzgrenze zu überschreiten.

Carry: Wenn wir eine grobe Vermutung haben, dann suchen wir schon mal das Gespräch, aber es gibt auch Personen, die wollen gar nicht über ihre Identität diskutieren, weil sie einfach keinen Stempel aufgedrückt bekommen wollen oder es einfach leid sind. Und das müssen sie dann auch nicht. Weil es hier egal ist. Man wird ja ansonsten schon so zugeballert mit Fragen. Und mit Vorurteilen. In einem der Seminare haben wir eine Liste gemacht von Sachen, die immer wieder kommen und sind auf über 160 gekommen, die ganz schön unter der Gürtellinie waren. Mir hat mal jemand gesagt: „Du musst nur die richtige Person treffen, die kriegt Dich schon wieder rum.“ Das war, als ob jemand sagt: Ich mach Dich schon wieder gesund. Persönlich kann ich sagen, dass ich dieses labeln wirklich satt habe und keine Lust mehr habe, mich ständig zu rechtfertigen. So fühlt es sich jedenfalls an und das will ich nicht mehr. Und so gehen wir auch im Track miteinander um. Wir drängen niemanden zu einer Antwort, die er oder sie noch gar nicht kennt. Also: Gesprächsangebot ja, Druck nein. Dadurch wirken die Leute im Track auf mich auch wesentlich ausgeglichener und entspannter als anderswo. Weil sie sich nicht ständig beweisen müssen.

Nooroo: Im Track kommen so viele unterschiedliche Persönlichkeiten mit so unterschiedlichen Facetten zusammen, aber es gibt praktisch keinen ernsthaften Stress. Reibereien gibt es überall mal, aber ich meine mit Stress eher Hinterhältigkeiten oder unangenehme Gruppenbildung.

Carry: Gerechtigkeit ist mir total wichtig. Ich selbst käme mir blöd vor, wenn ich neu ins Track käme, sowieso schon mein Päckchen zu tragen hätte und niemand würde sich um mich kümmern. Ich engagiere mich also nicht, weil ich TAMS-Zertifikate gemacht habe, sondern ich habe sie gemacht, um noch besser oder unterstützender auf andere zugehen zu können. Die beste Bestätigung für mich ist, wenn jemand mit einem guten Gefühl nach Hause geht.

Nooroo: Das ist für mich genauso. Mir ist Harmonie wichtig und ich wünsche mir, dass es meinen Freunden oder Menschen, die ich näher kenne, gut geht. Deshalb setze ich mich für sie ein und unterstütze sie. Damit geht es mir auch gut.

Nooroo: Das ist auf jeden Fall eine Überwindung. Das Track ist ja in der ersten Etage einer alten Schule und den Weg von der Straße über den Schulhof und durch die Tür zu gehen: das sind schon die ersten Schritte, die schwer sind. Die Treppe nach oben zu gehen ist für viele definitiv ein ganz großer Schritt. Das kennen wir auch aus eigener Erfahrung. Sobald die Jugendlichen dann oben sind und wir merken, dass sie unsicher sind und hadern, schalten wir uns ein. Das haben wir auch der Schulung gelernt.

Carry: Man verlässt ja in einem solchen Moment für sich ein Stück weit Rückhalt und Sicherheit. Es kommt häufiger vor, dass Jugendliche beim ersten Mal von einem Elternteil gebracht werden. Die kommen dann mit nach oben und bleiben, bis sie sehen, dass sich jemand kümmert. Wenn ich mir aber jetzt vorstelle, dass Jugendliche einfach abgesetzt werden oder ganz alleine kommen und auf einmal vor dieser Tür stehen: dann erleben sie einen Moment, in dem sie ihren bisherigen Rahmen und auch ihren Selbstschutz verlassen – gerade, wenn sie nicht geoutet sind. Sie wissen ja noch nicht, dass da oben alle gleich sind. Man denkt sich das und man wünscht sich das auch, hat es aber eben noch nicht erlebt. Der eigentliche Schritt ist aber meiner Meinung nach nicht der auf den Schulhof oder in die erste Etage: Der erste Schritt ist, aus seinem Inneren loszulaufen.

Kanello: Jugendliche werden also auch schon mal von ihren Eltern gebracht?

Nooroo: Ja, das ist so – jedenfalls am Anfang. Die Jugendlichen kommen aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus und es gibt einige, die bei ihren ersten Besuchen mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen kommen. Das gibt erst einmal die angesprochene Sicherheit. Sobald die Bezugspersonen dann merken, dass alles angenehm ist, können sie sich beruhigt zurückziehen. Weil sie sehen, dass wir uns kümmern und auch dafür sorgen, dass alle im guten Sinne wieder wegkommen. Einige kommen auch mit dem Zug und es fragt eigentlich immer jemand „Wer geht heute zum Bahnhof?“ Niemand muss also alleine gehen. Das gibt auch Sicherheit und Struktur.

Carry: Teils, teils. Die Ehe für alle oder die dritte Option haben die Situation auf jeden Fall verbessert. Gerade Münster erlebe ich außerdem als Stadt mit einer ganz hohen Toleranz. Ich arbeite neben dem Studium und dort spielt es überhaupt keine Rolle, wie ich lebe. Wenn ich mir aber bestimmte politische Akteure und ihre Programme anschaue und sehe, wie viele Menschen ihre Vorurteile wieder offen ausleben, macht mir das teilweise angst. Ich bin da gespalten.

Nooroo: Ich kann mich da nur anschließen. Persönlich hat sich zwar bei mir einiges getan und auch bei meiner Ausbildung spielt es keine Rolle, wie ich lebe. Das hat mich sicherer gemacht. Trotzdem überlege ich, wie ich mich in der Öffentlichkeit verhalte. Dass es Menschen gibt, die so viele Vorbehalte haben, finde ich ziemlich anstrengend und das geht auch an die Substanz.

Carry: Verglichen mit anderen Ländern ist Deutschland natürlich tolerant: In über 70 Ländern wird man bis heute dafür umgebracht, wenn man als gleichgeschlechtliches Paar Händchen haltend über die Straße geht. Deshalb finde ich es auch gut, dass es seit eineinhalb Jahren mit Massar hier in Münster ein Projekt für queere Flüchtlinge gibt. Ich glaube, dass diese Menschen noch viel verstörter sind, weil sie kulturell ganz anders stigmatisiert sind.

Kanello: Vielen Dank für Eure Bereitschaft, mit uns so offen zu sprechen.