Rappen und Rappen lassen

Das Blaukreuzwäldchen im Stadtteil Angelmodde-West ist in Münster ziemlich bekannt – und gilt als Wohngebiet, aus dem man es nicht selbstverständlich auf die Universität schafft. Alexander ist dort aufgewachsen und studiert heute Volkswirtschaftslehre in Münster. Seine freie Zeit hat er als Jugendlicher meist im Jugendzentrum „mobile“ verbracht. Dort hat er auch zum ersten Mal an einem Rap-Projekt teilgenommen. Seit ein paar Jahren wohnt Alexander nun nicht mehr in Münster. Im „mobile“ trifft man ihn dennoch regelmäßig an – denn seit mehreren Jahren bringt er dort selbst jungen Menschen das Rappen bei. Kanello hat mit Alexander über sein Engagement gesprochen und dabei auch erfahren, was er sich von andere Jugendlichen wünscht. Was ihm besonders wichtig ist, sagt er gleich vorweg: „Jeder kann zu uns kommen und mitrappen – auch über Angelmodde und Gremmendorf hinaus.“

Alexander: Meine Familie ist aus Kasachstan nach Deutschland gekommen, als ich vier Jahre alt war. Im Kindergarten habe ich schnell Deutsch gelernt und nach der Grundschule bin ich auf’s Gymnasium. Während wir in Angelmodde-West wohnten, haben meine Eltern immer eisern auf ein Haus gespart. Als es dann in der zehnten Klasse bei mir auf dem Gymnasium nicht mehr so gut lief, war unser jetziges Haus in Greven praktisch fertig und ich bin auf die Berufsschule in Steinfurt gewechselt. Ich brauchte damals eine Schule, in der ich nicht abgelenkt war. In Steinfurt habe ich dann mein Wirtschaftsabitur gemacht – und jetzt studier’ ich.

Alexander: Meine älteren Geschwister haben immer schon Rap und Hip Hop gehört. Weil es damals das Internet noch nicht so gab wie heute, haben wir Musik über den Fernseher gehört – und der großer Bruder hat praktisch das Programm bestimmt. Mir hat Rap-Musik gefallen, obwohl ich anfangs nichts verstanden habe. Ich fand’ die Musik cool, habe sehr viel davon gehört und mit elf, zwölf Jahren versucht, meine ersten Texte zu schreiben – allerdings erst einmal nur für mich alleine. Zu der Zeit wohnten wir noch in Angelmodde-West und ich war häufig bei „mobile“. Im direkten Umfeld vom Blaukreuzwäldchen gibt es ja außer einem Supermarkt, einem Imbiss und einer Spielothek nichts anderes als dieses Jugendzentrum. Das Gute daran war, dass das Jugendzentrum dann auch die Anlaufstelle für alle war: Wir sind meistens erst in den Supermarkt und dann rüber zum Kicker spielen, quatschen, rumhängen – und eben zum Musik machen. Im „mobile“ gab es bereits aus einem vorangegangenen Projekt eine Kabine und da habe ich den älteren Jugendlichen ganz viel zugeschaut, zugehört und mir Dinge abgeschaut. Irgendwann haben die einen dann auch akzeptiert und gesagt: „Mach Du doch mal was.“ Es ging aber auch immer um die Gruppe. Das Jugendzentrum ist ja ein Anlaufpunkt und dort waren auch immer Leute, die selbst keine Musik gemacht haben. Die haben uns aber Tipps gegeben, was sie gut finden und so. Dadurch war die Atmosphäre auch immer gut.

Kanello: Eine Nachfrage zur Sache: Was heißt Kabine?

Alexander: Das ist praktisch ein Mini-Studio – ein gebauter Kasten, der mit Schaumstoff-Matten ausgelegt ist und eine Plexiglas-Scheibe hat. Dort steht das Mikro drin, damit das nicht so hallt. Man braucht das nicht unbedingt, aber eine Kabine ist schon gut. Heute haben wir im „mobile“ keine Kabine mehr, weil wir keinen Platz dafür haben. Außerdem war das ja früher noch nicht so, dass man ein Mikro für 50 EUR bekommt, mit dem man gute Aufnahmen machen kann. Heute ist das anders und einfacher.

Alexander: Hip Hop ist praktisch der Überbegriff und dazu gehören zum Beispiel „Graffity“, „Break Dance“ „DJ-ing“ und eben auch „Rap“. Eigentlich ist Rap ein Sprechgesang, aber mittlerweile ist es eher normal, dass man zu Beats singt. Inhaltlich kann man praktisch über alles reden. Man kann Scherze machen ohne Ende, man kann Geschichten erzählen. Es gibt auch „Competitions“ oder „battles“ – also Wettbewerbe. Das haben wir früher sehr oft gemacht: Einfach ohne Text auf die Bühne und Leute beleidigen.

Kanello: Und wie ernst muss man diese Beleidigungen nehmen? Ist das eher ein Wettbewerb, um sich sprachlich auszuprobieren, oder sind die Texte auch wirklich aggressiv gemeint?

Alexander: Es kommen da auch schon Aggressionen zum Vorschein. Man kann sie über die Musik aber auch gut ‘rauslassen. Meist steht aber die sportliche Ebene im Vordergrund. Ernsthaft aggressiv wird das eigentlich nie. Vor ein paar Jahren gab es in einem anderen Jugendzentrum mal eine battle, bei der zehn Rapper gegeneinander angetreten sind. Da war im Vorfeld klar: Das ist rein sportlich und nichts anderes. Man sagt auch zum Beispiel vorher, wenn man ein Thema ausschließen möchte. Dann klärt man das, indem man sagt: „Hey, bitte nix über meine Familie oder so.“ In aller Regel akzeptieren die Teilnehmer das auch. Wenn nicht, ist das blöd und dann hat das auch schon mal Konsequenzen. Im „mobile“ veranstalten wir solche Battles aber als Freunde und da können wir alles sagen und wissen, dass es Spaß ist.

Alexander: Ich betreue in der Regel ein Mal pro Woche 10 bis 15 Jugendliche, die ins „mobile“ kommen und rappen wollen. Die Gruppe ist flexibel, weil immer mal wieder jemand abspringt oder jemand Freunde mitbringt, die neu dazu kommen. Unter den Jugendlichen spricht es sich auch herum, dass es bei uns die Möglichkeit gibt, aufzunehmen. Auch aus anderen Stadtteilen können Leute zu uns kommen. Viele von den Jungs fangen bei uns an und wechseln später in professionellere Studios, für die sie bezahlen und wo sie auch Videos drehen. Die sind zum Teil sehr gut. Erst kürzlich ist ein Video von einem Jugendlichen erschienen, der vorher bei uns war. Viele nutzen unser Angebot also als Sprungbrett. Ich persönlich finde das gut, wenn sie sich selbstständig machen, weil sie so am besten lernen.

Kanello: Wie bist Du konkret in „mobile“ und zum Rap gekommen?

Alexander: Ich bin da als Jugendlicher ständig im „mobile“ gewesen, weil es in der Gegend der einzige richtige Anlaufpunkt für junge Leute ist. Irgendwann war ich dann nicht mehr in dem Alter, in dem ich die ganze Zeit Kicker spielen wollte. Wenn der Betreuer gesagt hat: „Kannst Du mal eben auf die Theke aufpassen“, dann habe ich das eben gemacht. Parallel dazu hatten wir in der Schule ein soziales Jahr und mussten einmal in der Woche eine Stunde arbeiten. Das konnte ich dann im „mobile“ machen und von da an ist es eigentlich nie bei nur einer Stunde geblieben. Auch nach dem sozialen Jahr habe ich dort weiter ausgeholfen. Damals hat der Leiter dann Fördergelder bekommen und eine Anlage und zwei Mikrofone für das erste Rap-Projekt kaufen können. Immer, wenn ich dann da war, haben wir uns ausprobiert. Manche sind auch gekommen und haben Lieder von anderen gerappt. 2015 hat Kai – der Leiter – mich gefragt, ob ich das selbst als Projekt machen möchte und seitdem bin ich dabei.

Kanello: Hast Du damals schon gesehen, dass Dich das auch persönlich weiterbringt?

Alexander: Ich habe halt gesehen, das sich den Leute dort helfe. In Angelmodde-West gibt es praktisch nichts anderes und deshalb treffen sich die meisten Jugendlichen im „mobile“. In der Sommerzeit war es dort oft komplett überlaufen. Wenn ich dann da war, waren schon mal sechs bis acht Jugendliche gut beschäftigt und haben keinen Mist angestellt. Dadurch konnte ich auch die anderen Mitarbeiter*innen unterstützen. Das ist eine gute Erfahrung und ich würde mir tatsächlich wünschen, dass alle Jugendliche solche Erfahrungen machen. Etwas Produktives für andere zu machen anstatt auf der Couch zu hocken. Deshalb finde ich auch das Freiwilligen Soziale oder Ökologische Jahr gut. Weil es einen selbst weiter bringt und weil man der Gesellschaft etwas zurückgeben kann. Alles in dem Maß, wie es einem möglich ist, versteht sich. Und wenn man nur seine alten Spiele in einem Jugendzentrum abgibt – das hilft auch schon. Einfach mal auf den Nächsten schauen – das motiviert mich im Prinzip bis heute. Weil ich eben auch selbst so positive Erfahrungen gemacht habe. Im „mobile“ können die Jugendlichen ja nicht nur rappen. Sie bekommen da auch Hilfe bei Bewerbungen oder so. Natürlich hat mir die Arbeit auch Spaß gemacht. Das waren ja die kleinen Geschwister meiner Freunde. Die Großen sind dann auch oft dazu gekommen und dann haben wir alle zusammen ‘was gemacht – auch über das Rappen hinaus.

Kanello: Gibt es unter „Deinen“ Jugendlichen auch welche, die davon träumen, mal groß ‘rauszukommen?

Alexander: Ja natürlich, das motiviert sie ja auch. Ich persönlich meine, dass es unter den Jugendlichen, die auch in professionelle Studios gehen, auf jeden Fall welche gibt, aus denen echt etwas werden könnte. Die Jungs haben auf jeden Fall Potenzial und könnten auch etwas damit erreichen. Die machen den zeitgemäßen Sound sehr gut und haben meiner Meinung nach auch etwas Einzigartiges. Allerdings ist der Markt derzeit ziemlich überflutet, weil praktisch jeder Musik machen und ein cooles Video drehen kann. Und weil das so einfach ist wie nie zuvor, ist es eben momentan schwer, sich zu behaupten. Teilweise sind die Jungs 16 oder 17 Jahre alt und haben noch alles vor sich. Deshalb sage ich denen auch immer wieder, dass Schule wichtig ist und sie sich auf jeden Fall irgendwie absichern sollen.

Alexander: Als das „mobile“ zum ersten Mal an dieses Rap-Projekt angeboten hat, hat zu Beginn jemand ein Instrumental angeschaltet – also mit Schlagzeug und einer einfachen, aber durchgängigen Melodie. Dann wurde ein Wort vorgegeben und wir hatten zwei Minuten Zeit, Reime darauf zu finden. Erst mal aus Spaß, damit wir überhaupt eine Idee davon bekommen, was sich reimt. Das haben wir dann ein paar Mal gemacht und dann geht es irgendwann leichter. Ich selbst habe relativ schnell durch sogenanntes „freestylen“ – also rappen ohne vorher festgelegten Text – gelernt, zu sagen, was mir gerade durch den Kopf schwirrt. Dadurch gewöhnt man sich auch daran, Worte zu verbinden. Wenn ich Texte tatsächlich erst aufschreibe, steigt auch mein Anspruch an mich selbst. Den Jugendlichen, die zu mir ins „mobile“ kommen, versuche ich nahezulegen, dass sie Wert auf ihre Texte legen sollten – weil dadurch viel mehr geht als: „Ich geh’ raus aus dem Haus und seh’ ‘ne Maus“ oder „Ich cool – Du doof“. Klar, jeder fängt in etwa so an und im freestylen ist das auch mal lustig, aber es lohnt sich wirklich, wenn man sich Mühe gibt und das versuche ich den Jugendlichen zu vermitteln.

Kanello: Was Du zum freestylen und zur Arbeit am Text sagst, klingt, als ob man sich dazu auch als junger Mensch ganz schön öffnen und etwas von sich Preis geben muss. Ist das eine Herausforderung – Stichwort Pubertät?

Alexander: Das ist schon so, aber es geht leichter je mehr man übt. Als ich das erste Mal jemanden freestylen gehört habe, dachte ich: „Wie macht der das? Wie ist das überhaupt möglich?“ Das geht allen anderen Jugendlichen auch so. Wir machen deshalb zum Anfang immer eine halbe Stunde freestylen. Am Anfang wollten die Jugendlichen das gar nicht. Mittlerweile kommen sie aber und fragen: „Können wir jetzt noch ein bisschen freestylen?“ Dann sind da vier, fünf Leute, die sich abwechseln und eine Menge Spaß dabei haben.

Kanello: Ist den Jugendlichen bewusst, dass sie so virtuos sind im Umgang mit der deutschen Sprache?

Alexander: Ich glaube, dass sie das nicht so hoch einschätzen und das es einen großen Unterschied zu „damals“ gibt. In der Rap-Musik, die Jugendliche aktuell hören, wird nicht mehr so viel Wert gelegt auf Texte. Manchmal reimt sich das noch nicht mal, sondern hört sich einfach nur cool an. Da rappt jemand über Kokain und die Kinder singen das nach, ohne zu wissen, worum es geht. Da geht es erst mal darum, genau das Gleiche zu machen. Früher stand auch die Technik stärker im Vordergrund. Da ging es noch mehr  darum, ob jemand einen sechssilbigen Reim gemacht oder einen tollen Vergleich getextet hat.

Kanello: Sprichst Du mit den Jugendlichen darüber, wenn sie zum Beispiel über Kokain texten?

Alexander: Klar, wenn jemand textet: „Ich hab ein Kilo Kokain“, dann frage ich natürlich: „Du bist 15! Wie kommst Du auf so was?“ Rap kann und will zwar auf der einen Seite provozieren, aber alles in allem hält sich das bei uns im Rahmen. Rassismus oder Antisemitismus spielen bei uns Gott sei Dank gar keine Rolle. Und wenn da etwas wäre, würde ich klar einschreiten. Im „mobile“ ist die Zusammensetzung der Jugendlichen ja „Multi-Kulti“. Wenn sich dort jemand blöd verhält, machen die Jugendlichen das am Menschen selbst fest und nicht an der Hautfarbe oder der Nationalität.

Kanello: Wie sieht es mit Kritik und Lob aus? Diskutiert Ihr untereinander über Texte?

Alexander: Was ich vorweg sagen will ist: Die meisten Jugendlichen sind echt fleißig. Das heißt, sie kommen regelmäßig mit neuen Texten an. Weil wir nicht so viel Zeit haben, immer alle aufzunehmen, müssen wir auswählen. Und dann wird diskutiert. Dabei geht es in der Wortwahl schon mal drastisch zu, aber weil sich alle gut kennen, passt das. Anders herum motivieren und unterstützen sie sich gegenseitig enorm. Wenn jemand etwas Gutes gemacht hat, dann teilen alle das über ihre jeweiligen sozialen Medien. Auch die Leute, die selbst nicht rappen, haben positiven Einfluss auf das Produkt. Zum Beispiel, wenn sie helfen, Videos zu machen.

Alexander: Ich selbst mache im Augenblick nur die Instrumentals und versuche mich auf der technischen Ebene zu verbessern. Zum Beispiel Mixomastering besser hinzubekommen. Deshalb habe ich gerade keine Zeit und auch ehrlich gesagt keine Lust, selbst Rapmusik zu machen. Ich versuche lieber, den Jungs so gut wie möglich zu helfen. Außerdem kann ich mit dem Material, das sie mir geben, das Abmischen üben. Im Moment macht es mir aber am meisten Spaß im Hintergrund zu arbeiten.

Kanello: Vielen Dank für dieses offene Gespräch.