Hund, Katze, Maus ...

Judith und Lauren kennen sich seit 2017 – genauer gesagt seit einem Kennenlern-Tag bei den Tierfreunden Münster e.V. in Handorf. Beide waren gleich begeistert von der Art und Weise, wie man dort mit Tieren umgeht, die aus verschiedenen Gründen eine Zeit lang im Heim leben müssen. Judith studiert Oecotrophologie, Lauren studiert berufsbegleitend Steuerrecht. Trotzdem investieren die beiden seit diesem Kennenlern-Tag regelmäßig viel Zeit für sogenannte „Dienste“ im Tierheim. Drei feste Mitarbeitende kümmern sich um die Tiere und sichern den laufenden Betrieb, alle anderen arbeiten ehrenamtlich. Alle anderen, das sind: der Vorstand, der Beirat und etwa 60 Ehrenamtliche Helfer*innen wie Lauren und Judith. Öffentliche Mittel gibt es nicht, die Finanzierung des Tierheims muss sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden tragen. Kanello hat mit Judith und Lauren über ihre freiwillige Arbeit gesprochen und dabei eine ganze Menge mehr über „Hund, Katze, Maus“ und die Handorfer Tierheimwelt erfahren.

Judith: Mir war nach dem Abitur nicht sofort klar, was ich machen möchte und ich wollt deshalb etwas tun, was mir persönlich und auch anderen etwas bringt. Tiere und Tierschutz waren mir immer schon wichtig. Deshalb habe ich auch in die Richtung nach einer Aufgabe gesucht. Über das Internet bin ich auf die Tierfreunde Handorf aufmerksam geworden. Ich habe einen Kennenlern-Termin gemacht und bin praktisch seitdem geblieben. Was mir in Handorf sofort gut gefallen hat, ist, dass es dort keine Zwingerhaltung gibt. Die Tiere leben in kleinen Gruppen zusammen, damit sie nicht verlernen, in einem sozialen Umfeld zurechtzukommen. Schließlich wollen wir sie ja in eine neue und gute Bleibe vermitteln. Das möchte ich unterstützen.

Lauren: Meine Mutter kannte die Tierfreunde schon länger und ich bin einmal zusammen mit einem Freund dorthin gegangen. Ich war sofort begeistert, weil die Tiere dort ein total wohnliches Umfeld haben. Man sieht sofort, dass sie sich wohl fühlen und das hat mir gut gefallen. Ich stand zu der Zeit kurz vor dem Ende meiner Ausbildung und wollte danach für eine Zeit in einem spanischen Tierheim arbeiten. Dann ist der Kontakt dorthin abgebrochen und ich habe überlegt, dass ich mich hier vor Ort viel dauerhafter für den Tierschutz einsetzen kann.

Judith: Im Allgemeinen ist es so, dass alle Freiwilligen möglichst zwei Dienste von jeweils ein paar Stunden im Monat machen. Mehr geht immer, aber das ist normalerweise Minimum, damit jeder Dienst auch abgedeckt werden kann. Es gibt eine Angestellte, die an vier Tagen morgens vor Ort ist, aber alle anderen Dienste decken die Freiwilligen ab. Die Termine können wir uns so einteilen, wie wir möchten. Ich studiere zum Beispiel mittlerweile im dritten Semester und kann das Studium und die ehrenamtliche Arbeit im Tierheim gut miteinander verbinden. Während eines Dienstes sind wir normalerweise zu Dritt. Wir spielen dann drinnen mit ihnen oder gehen außerhalb der Dienste auch mal mit den Hunden spazieren. Das ist die kuschelige Seite der Arbeit. Tiere versorgen heißt aber ehrlicherweise auch: Vogelkäfige reinigen, Katzenklos putzen oder draußen Hundehaufen aufsammeln. Das gehört eben auch dazu, wenn man möchte, dass es Tieren gut geht und dass die Verhältnisse hygienisch sind. Am Wochenende gibt es dann noch die Infodienste, bei denen sich Besucher über das Tierheim und die Tiere informieren können. Wir haben sieben verschiedene Tiergruppen: Hunde, Katzen, Vögel, Kaninchen, Mäuse, Ratten, Chinchillas und Meerschweinchen. Jede Tiergruppe hat mehrere  Verantwortliche, die sich lange und gut mit ihren Tieren auskennen und sich auch um die Vermittlung kümmern. Von ihnen bekommen wir zum Beispiel auch Infos über neue Tiere und darüber, worauf wir achten müssen.

Lauren: Ich kümmere mich neben den Tieren auch noch um die Facebook-Stories. Gebe Hinweise, wenn in einer Zeitung ein Artikel über uns erschienen ist, schreibe über den Alltag im Tierheim oder stelle kurze Videos über die Tiere ein. Ich würde sagen, die wenigsten der Freiwilligen reißen einfach ihre zwei Dienste im Monat ab. Wir trinken Kaffee, quatschen oder organisieren Veranstaltungen. Kürzlich haben wir zum Aktiventag ein riesiges selbstgemachtes Buffet zusammengetragen. Das habe ich auch gefilmt und gepostet. Durch die gemeinsame Arbeit und das Thema entstehen natürlich auch Freundschaften. Ich fühle mich da wie zu Hause, weil wir wie eine große Familie sind. Wobei groß echt stimmt, weil wir mittlerweile rund 60 aktive Helferinnen und Helfer sind.

Judith: Das geht mir auch so. Über die ehrenamtliche Arbeit habe ich viele neue Leute kennenlernt, mit denen mich etwas verbindet.

Lauren: Als die Briten noch in Münster stationiert waren, war unser heutiges Gebäude eine britische Schule. Das Gebäude selbst ist nicht besonders riesig, aber das Grundstück schon. Es gibt große Wiesenflächen und Außengehege für die Tiere. Das Gebäude selbst ist eher ein langer Flur, von dem rechts und links Zimmer abgehen. Und in denen wohnen unsere Tiere. Getrennt nach Tiergruppen. Das heißt, wir haben Zimmer für Hunde, Katzen, Kaninchen, Mäuse, Ratten, Vögel, Chinchillas und Meerschweinchen.

Judith: Die Zimmer sind mehr oder weniger eingerichtet wie Wohnzimmer. Bei den Katzen stehen zum Beispiel Sofas, Sessel, Kratzbäume und -matten, Fressnäpfe und Katzenklos. Außerdem gibt es Spielzeug. Also das ist schon gemütlich dort. Die Idee dahinter ist, dass die Tiere in einer Art sozialer Umgebung leben. Die Besucher*innen sollen sich wiederum vorstellen können, wie es ist, wenn sie eine Katze bei sich zu Hause haben. Bei den Hunden ist das genauso. Vom Flur aus gibt es zu den Zimmern Fenster, so dass man die Räume einsehen und die Tiere beobachten kann. Die Katzen liegen allerdings auch gerne mal auf den inneren Fensterbänken und beobachten die Besucher*innen.

Lauren: Ich glaube schon. Wenn ich selbst früher an ein Tierheim gedacht habe, dann hatte ich immer sofort den Gedanken im Kopf: Oh, die armen Tiere! Das höre ich übrigens heute immer noch, wenn ich erzähle, dass ich dort arbeite. „Ist das nicht voll schlimm? Die armen Tiere! Wie traurig, dass man die abgegeben hat.“ Natürlich ist das schlimm. Seitdem ich aber in Handorf bin, denke ich, dass die Tiere in eine tolle Umgebung kommen, in der sie sich wohl fühlen können und aus der sie dann auch gut wieder vermittelbar sind. Als privates Tierheim dürfen wir ja auch eigene Grenzen setzen. Wir nehmen nur so viele Tiere auf, für die wir genug Platz haben.

Judith: Wir haben drei Katzenräume und derzeit zum Beispiel einen Kater, der sich nicht mit den anderen verträgt und deshalb alleine in einem Raum ist. Hier schauen wir uns gerade an, ob das noch etwas werden kann, oder ob er zu einer Familie kommt, die tagsüber zu Hause ist. In den Kittenräumen sind wiederum viele Katzen und da muss man gerade in den Kittenzeiten sehen, wo die Obergrenze ist.

Lauren: Wir hatten mal einen Hund, der extrem futterneidisch war und nicht mit anderen Hunden in einem Zimmer gefüttert werden sollte. In solchen Fällen informieren uns die Tiergruppenleiter*innen, wie wir richtig mit der Situation umgehen. Der Hund konnte grundsätzlich in dem Raum sein, musste aber einfach woanders gefüttert werden. Andererseits geben wir natürlich auch Signal, sobald wir merken, dass es Schwierigkeiten gibt.

Judith: Wir haben viele Kaninchen. Das sind aber seltener Weihnachtsgeschenke, als man denkt: Meistens handelt es sich tatsächlich um anonyme Tierabgaben, die aus Tierschutz-Rettungsaktionen stammen. Den Einzelfall habe ich hier weggelassen. Meerschweinchen und Ratten haben wir ganz selten – und wenn wir mal ein Meerschweinchen haben, ist es eigentlich sofort wieder vermittelt. Mäuse und Ratten haben wir selten, dafür aber fast immer Vögel und Chinchillas. Wenn plötzlich Allergien in Familien auftreten, gibt es immer viele traurige Gesichter.

Kanello: Gibt es Tiere, die lange bleiben und andere, die ganz schnell wieder vermittelt werden?

Judith: Bei den Kaninchen ist der Durchlauf recht hoch. Aber es gibt schon einige Tiere, die auch Dauersitzer sind. Bei denen ist das ganz interessant. Man freut sich, wenn die ein neues zu Hause finden, aber man ist auch traurig, wenn sie gehen. Wir hatten einen Hund, der über ein Jahr bei uns war. Das war dann komisch, als er plötzlich weg war. Oft sind das Tiere mit einer Einschränkung. Ein Hund hatte zum Beispiel Epilepsie und obwohl die Anfälle selten waren, schrecken neue Besitzer wegen des höheren Pflegeaufwands oder der Tierarztkosten eher zurück. Grundsätzlich sind es aber nicht auffällig viele Tiere, die lange bei uns bleiben. Das ist auch sehr tröstlich.

Lauren: Weil wir alle ehrenamtlich arbeiten, haben wir nur am Wochenende geöffnet. Von 14 Uhr bis 18 Uhr können Besucher*innen dann kommen und sich informieren. Wir haben auch einen Flohmarkt-Raum, in dem sie stöbern können. Dadurch kommt auch ein bisschen Geld in die Kasse. Zwei Mal im Jahr feiern wir ein Fest, bei dem Besucher*innen herzlich erwünscht sind. Vor Weihnachten ist es die Tierheimbescherung und im August das Sommerfest. Über die Einnahmen finanzieren wir uns auch zum Teil. Wer aber auf der Homepage ein Tier gesehen hat, das ihn interessiert, kann mit den Tiergruppenverantwortlichen auch einen Termin vereinbaren.

Judith: Die Tiergruppenverantwortlichen sind immer eingebunden, wenn ein Tier weggehen soll. Sie kennen die Tiere am besten und wissen, was sie brauchen. Bei Kaninchen sagen sie zum Beispiel schon mal nein, weil sie sehen, dass die neue Umgebung aus Platzgründen nicht stimmt. Bei Hunden ist es schon mal der Beruf, der nicht mit einem Haustier kompatibel ist. Da ist schon auch viel Verantwortung im Spiel. Sie schauen also genau hin, beachten die Vorschriften, hören nach und machen auch Hausbesuche. Oft ist es aber auch so, dass sich die neuen Besitzer selbstständig bei uns melden. Sie schicken zum Beispiel Filme, in denen man sehen kann, wie sich die Tiere einfinden und entwickeln.

Lauren: Wer einen Hund adoptiert, geht oft schon Wochen vorher mit dem Tier spazieren. Gerade die Hunde bringen die Tierverantwortlichen aber auch persönlich in ihr neues zu Hause. Das macht die Übergabe für die Tiere noch einmal leichter.

Judith: Ich habe eigentlich immer erst an die Tiere gedacht. Andere gehen zum Sport und für mich ist das Tierheim halt wie ein Hobby. Ich denke selten darüber nach, dass ich die Arbeit ehrenamtlich mache, weil sie mir einfach viel Spaß macht.

Lauren: Mir geht das ähnlich. Was ich allerdings schon sagen kann, ist, dass ich mich über das Ehrenamt weiterentwickelt habe. Ich habe früher Sport gemacht und dort auch Freunde und Spaß gehabt. Jetzt habe ich aber das Gefühl, dass ich etwas wirklich Sinnvolles mache. Keine Minute, die ich im Tierheim verbringe, ist verschenkt. Egal, ob ich mich mit Leuten unterhalte oder einen Hund ausführe. Und ich erlebe im Ehrenamt eine ganz andere Gemeinschaft.

Judith: Man investiert vielleicht mehr, aber man bekommt auch mehr zurück. Wenn ein Hund einen anstrahlt oder wieder vermittelt wird. Oder wenn man sieht, dass ein total abgemagertes Kaninchen wieder zu Kräften gekommen ist. Dann sieht man, dass andere Lebewesen sich durch das eigene Zutun entwickeln.

Lauren: Wenn ein Hund wieder vermittelt wird, dann hat man selbst etwas dazugetan. Das ist ein tolles Gefühl. Das ist tatsächlich mehr als zum Beispiel der Sport, den man für sich selbst macht.

Judith: Was auch schön ist, dass man beim Sommerfest, bei der Tierheimbescherung oder bei den Gemeinschaftstagen viele Leute trifft. Bei den Gemeinschaftstagen erledigen wir Dinge wie Fenster putzen oder Schönheitsreparaturen. Und da helfen nicht nur die Ehrenamtlichen, sondern auch viele Menschen, die einmal ein Tier bei uns adoptiert haben. Zum Teil bringen sie dazu auch die Tiere mit, die vermittelt wurden. Aus praktischen Gründen sind das meistens die Hunde, aber das ist sehr schön zu sehen.

Lauren: Intern haben wir auch noch einen Newsletter, der die Ehrenamtlichen einmal im Monat auf den aktuellen Stand bringt. So werden auch alle, die nicht so viele Dienste machen können, in die Gemeinschaft einbezogen. Ich schreibe daran aktiv mit und berichte zusammen mit den Tierverantwortlichen über die Entwicklung der Tiere, nachdem sie vermittelt wurden. Aus Rückmeldungen weiß ich, dass das sehr gut ankommt. Eben genau deshalb, weil man sehen kann, was man bewirkt hat.

Lauren: Ich habe damals eine E-Mail geschrieben und relativ zügig einen Telefontermin bekommen. Nachdem ich dann theoretisch wusste, wie das mit dem Ehrenamt so läuft, haben wir einen Kennenlern-Tag im Tierheim vereinbart. Anschließend bin ich eingearbeitet und auf die Dienste vorbereitet worden. Das war alles ziemlich unkompliziert. Voraussetzung ist allerdings, dass man 18 Jahre alt ist.

Judith: Wer erst mal gucken möchte, kann auch am Wochenende einfach vorbei kommen. Eine sehr schöne Gelegenheit zum Kennenlernen bietet auch das Sommerfest Ende August. Da gibt es Kuchen, Salate und Infostände von anderen Organisationen in Münster, mit denen wir gut vernetzt sind. Und man kann sich auch das Tierheim anschauen. Dann hat man auf jeden Fall schon mal einen ersten Eindruck.

Lauren: Ich denke, dass jeder Tag, an dem ich im Tierheim war, grundsätzlich ein guter Tag war. Ich liebe die Tiere und die Leute dort und alles, was sie für die Tiere tun. Es ist schön, wenn ein Hund vermittelt wird, es ist schön, wenn neue Welpen kommen. Was mich wirklich krass berührt hat, war die Ankunft des  Transporters mit den Hunden aus Rumänien. Man wusste, die Tiere kommen da gerade aus ihrem Leben in Rumänien und bei uns im Tierheim warten zum Teil schon die Menschen, die sie adoptiert haben. Das Tierheim in Handorf ist eines von mehreren Tierheimen in Deutschland, die in Rumänien mit Brunopet kooperieren. Die Organisation betreibt ein Tierheim in Miercurea Ciuc und über Brunopet sind einige der Hunde bereits vermittelt, wenn sie bei uns ankommen. Alle sitzen da, sind total aufgeregt und warten, dass dieser Transporter um die Ecke biegt. Die Tierverantwortlichen tragen die Hunde dann erst einmal in die Zimmer, damit sie ganz in Ruhe ankommen können, aber man weiß einfach: viele von ihnen haben schon ein neues zu Hause. Das ist sehr ergreifend.

Judith: Ich hatte bislang immer Bezug zu Katzen und Hunden, aber durch die Arbeit habe ich auch die Kaninchen und die Meerschweinchen für mich entdeckt. Ganz speziell denke ich an einen Spitz. Er war schon 13 Jahre alt, hieß Matti und wurde zu Weihnachten vermittelt. Er kommt auch noch regelmäßig zu Besuch. Das ist übrigens auch toll: Die Tiere, die zu uns zu Besuch kommen, sind weder scheu noch ist ihnen die Umgebung unangenehm. Das ist für mich das beste Zeichen, dass wir hier ziemlich viel richtig machen.

Kanello: Ganz herzlichen Dank, dass Ihr Euch zu diesem Gespräch bereit erklärt habt.